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Echo-Finale

ECHO-FINALE
 

Noch ’nen Pokal
Theater-Cup: Das Ensemble von Lakritz beweist Facettenreichtum und gewinnt im Theater Mollerhaus in Darmstadt

DARMSTADT. Michael Bibo hat alle Hände voll zu tun. Zwar steht er nicht im Zentrum des Geschehens auf der Bühne, doch ohne ihn wäre das Ganze weit weniger effektvoll. Sensibel streut er Töne und Melodien ein, die sowohl das Publikum als auch die Darsteller in Stimmung versetzen. Den Blick konzentriert auf das Schauspiel, entlockt er seinem E-Piano und Laptop die passenden Klänge zwischen Spieluhr und Spinett, spielt Tuschs und Schüsse ein oder stimmt einen Reggae an, zu dem auch der Schiedsrichter sich locker machen kann.

„Schön ist es, auf der Welt zu sein“, singt das Publikum am Freitagabend im Darmstädter Mollerhaus zum vierten und letzten Mal die Hymne des Improvisationstheaters. Das ist nur eines der Rituale, die beim Theater-Cup genauso gepflegt werden wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft, die es hier auch ein Stück zu parodieren gilt.

Tobte beim Halbfinale anderthalb Wochen zuvor noch euphorische Stadionstimmung durch den voll besetzten Saal, zeigt das Publikum beim Finale jetzt deutliche Ermüdungserscheinungen: Kaum eine Fahne wird geschwungen, kaum eine Glocke geschlagen. „Die Stimmung ist auf dem Boden“, kommentiert in ironischer Übertreibung der Conferencier und Initiator der Veranstaltung Rainer Bauer. „Aber wie das so ist, es ist vielleicht kein schönes Finale, aber es wird gekämpft bis zum Ende.“ Viel Schweiß dringt erneut aus den Poren von „Bemoved“ und dem Theater Lakritz, die in der Endrunde ungebrochen engagiert gegeneinander antreten – allesamt barfuß. Als effektvollen Kniff gibt Bauer irgendwann einen Genrewechsel vor, bei dem sich die Mannschaften gegenseitig parodieren: Die Kindertheatertruppe muss sitzend, stehend und liegend das Tanztheaterstück „Der rostige Grill“ inszenieren und „Bemoved“ die Kindergeschichte „Der Bär auf dem Försterball“. Einwand des Schiedsrichters: „Wer beim Halbfinale war, wird mir zustimmen, dass der Bär der Kuh etwas ähnlich war.“

Obwohl Martina Heim von „Bemoved“ bei den tierischen Rollen in ähnliche Muster verfällt, gehört sie zu den großen Überraschungen der Darmstädter Theatermeisterschaft. Wie alle anderen auch ohne Vorerfahrungen in dem Genre, spielt sie mit enormem Talent zwei Tugenden aus, die das Improvisationstheater so ulkig machen: Spontaneität und den Mut zur Albernheit. Ihr Partner André Schober dagegen glänzt zwar beim Geschichtenentwerfen, doch zeigt er Mängel im Teamspiel. „Hinweise geben, Herrgott noch mal“, schimpft es von der Zuschauertribüne an einer stockenden Stelle. „Schiri!“

Konrad Büttner, Björn Lehn und Andreas Konrad vom Theater Lakritz beweisen bei den fünf Spielen unterm Strich mehr Facettenreichtum und die Fähigkeit zu schnellen Wechseln. Das Publikum kichert und prustet beim Zweikanaltonfilm „Wasser, Element des Lebens“ über die gekonnten Sprachsprünge zwischen Mongolisch und Deutsch und schüttelt sich, als Lehn im gestenreichen Zwiegespräch mit seinen Mitspielern darauf kommen muss, dass er einen „Maulwurfshügelzerstörer“ erfunden hat.

Sie gewinnen knapp, aber verdient und erhalten den „Pokal mit Fettfingern“ (Bauer) aus den Händen von Oberbürgermeister Walter Hoffmann, der es zum letzten Spiel ins Theater geschafft hat und „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ als Siegerständchen anstimmt. Er wünsche sich, dass der Theater-Cup eine Wiederholung findet, sagt der Pokalstifter. „Ich weiß nicht, die WM ist ja nur alle vier Jahre“, antwortet Bauer. „Aber es kommt ja in zwei Jahren die EM.“

Alexandra Welsch
10.7.2006
Darmstädter Echo




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